Wieviel sollte ein Buch kosten?

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Eine Untergrenze für den Preis von Schriftwerken.

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Die minimalen Kosten eines Buches hängen von zwei Aspekten ab: Der Anzahl der Leute, die es lesen und der Zeit, die nötig ist, um es zu schreiben. Für beides müsen wir Annahmen treffen, um etwas berechnen zu können.

Idealabschätzung

Fangen wir mit einem Buch an, das fast alle Deutschen lesen. Inklusive Verleih, Bibliotheken usw. kommen wir dann auf vielleicht 10 Millionen Leute, die dieses Buch kaufen. Das ist die erste Annahme: Die Anzahl der Lesenden.

Die zweite Annahme ist die für ein Buch nötige Zeit.

Gehen wir von einem 300 Seiten langen Buch aus. Ein Autor oder eine Autorin braucht dafür etwa ein Jahr Vollzeit. Dazu kommen ein Editor oder eine Editorin. Ich gehe davon aus, dass man nicht mehr als 4 Bücher gleichzeitig betreuen kann, also kommt hier ein viertel Personenjahr dazu. Dann noch ein Agent oder eine Agentin, damit sich die Leute, die schreiben, nicht noch darum kümmern müssen, sich zu verkaufen1. Ich nehme hier 2 Monate pro Jahr Arbeitszeit an. Dazu braucht ein Buch noch ein Cover und Illustrationen. Für das Cover gehe ich von etwa einem Monat aus, inklusive Fehlversuche. Für die Innenillustrationen nochmal 2 Monate. Damit kommen 3 Monate für Illustrator oder Illustratorin dazu. Wir sind bei einem Jahr und 8 Monaten für ein 300 Seiten Buch. Dazu kommt noch Layout, Druck, Verkauf, Buchhaltung, usw., so dass die Arbeitszeit für ein 300 Seiten Buch alles in allem bei knapp zwei Jahren liegen dürfte. In Vollkostenrechnung und mit Puffer für fehlschlagende Projekte2 sind das etwa 200k€. Bei 10 Millionen verkauften Exemplaren müsste ein Buch also nur 2ç kosten, um die an der Schaffung des Buches Beteiligten zu finanzieren.

Der Flaschenhals: Lesezeit

Allerdings könnte es so selbst in einer absolut Lesebegeisterten Gesellschaft nur 50 Autorinnen und Autoren geben, verteilt auf vielleicht 10 Verlage. Denn ein 300 Seiten Buch zu lesen dauert neben einer Vollzeitstelle etwa eine Woche, pro Jahr können also nur 50 Bücher von allen Deutschen Lesenden gelesen werden. Die knappe Resource wären hier also nicht die Kosten, sondern die Lesenden.

Als kurzen Test eignen sich die Absatzzahlen von Büchern. Die Annahmen hier gehen von 500 Millionen Büchern pro Jahr aus. Statista berichtet von etwa 380 Millionen verkauften Büchern pro Jahr. Die Annahmen hier sind also recht nah an der Realität.3 Was auch bedeutet, dass der Buchmarkt weitgehend erschlossen ist: Wir können nicht von einem Wachstum des Marktes ausgehen und die Deutsche Gesellschaft ist schon jetzt absolut lesebegeistert.

Stellschraube Kaufpreis

Damit ist der Preis pro Buch eine Stellschraube für die Vielfalt der geschriebenen Bücher. Würden wir den Preis pro Buch auf das 10ç reduzieren, also auf das 5-fache der hier berechneten Minimalkosten in Deutschland (wie es in manchen Ramschläden schon passiert), dann gäbe es höchstens 5 wöchentlich parallel erscheinende Buchreihen, also zum Beispiel ein Kinderbuch, ein Jugendbuch, einen Ratgeber, einen Roman und ein Kochbuch.

Und die ganzen Gratisblogger (und Twitterer und Facebooker, usw.) reduzieren signifikant die Vielfalt auf dem Buchmarkt, weil sie Lesezeit aufbrauchen, die wirklich knappe Resource.

Und wer ein Nischenbuch für weniger als den marktüblichen Preis verkauft (z.B. in der Hoffnung auf mehr Lesende), bedroht paradoxerweise die Existenz der eigenen Nische, weil mit dem niedrigeren Preis die Vielfalt nicht erhalten werden kann, die die Existenz der Nische überhaupt erst ermöglicht.

Paradoxerweise sind so die Einzigen, die ein Eigeninteresse daran haben, den Buchpreis zu reduzieren, die Autorinnen und Autoren von Bestsellern, und diejenigen, die den Bestseller-Verkaufskanal kontrollieren und einen Vorteil davon hätten, wenn der Großteil der Neuerscheinungen in ein einzelnes Verkaufsregal passen würde. Durch die Reduzierung des Preises würden existierende Nischen unrentabel, so dass mehr und mehr Nischenfans gezwungen wären, auf Massenware zurückzugreifen (oder mit dem Lesen aufzuhören).

Aber zurück zu den Rechnungen: Beim aktuellen Preis von 6€ pro Taschenbuch können in der Theorie 300× so viele Bücher produziert werden, wie in der Abschätzung mit Minimalpreis. Damit können also 150 bis 300 Nischen existieren (die Abschätzung passt nur mit etwa Faktor 2 Unsicherheit), under der Annahme, dass Fans absolut treu sind und alle Bücher ihrer Nische bzw. ihrer Autorinnen und Autoren kaufen und auch sonst nichts schief geht. Da immer mal etwas schief geht, würde ich eher von 50 Nischen ausgehen, vielleicht 100, wenn die meisten Autorinnen und Autoren sich massiv selbst ausbeuten (das tun sie).4

Was sollte ein Buch kosten?

Diese Abschätzung zeigt, dass eine Reduzierung des Buchpreises zum Sterben von Nischen führen würde. Ganze Genres würden unrentabel werden. Die einzige Möglichkeit, den Preis pro Buch zu reduzieren, ohne die Vielfalt zu gefährden, wäre es, die Lesezeit zu erhöhen, zum Beispiel, indem Leute ermöglicht wird, Bücher zu Zeiten zu erleben, zu denen sie es sonst nicht konnten (wie bei Hörbüchern, die sie auf der Autofahrt hören können) oder dafür zu sorgen, dass Leute mehr Freizeit haben (aber danach sieht es zur Zeit nicht aus: Die Überstunden steigen eher, und soziale Netze fressen immer mehr Zeit), denn die knappe Resource ist nicht das Geld (im Zweifel können Leute in die Bibliothek gehen), sondern die Lesezeit.

Und solange die Lesezeit nicht steigt, trägt jeder Artikel, der für weniger als 1€ pro Stunde Lesezeit gelesen wird, effektiv zum Sterben von Literaturgenres bei.

Und das war mir bis heute selbst nicht klar.5

Dieses Ergebnis erlaubt dir, der oder die du diesen Text liest, dir die Eingangsfrage selbst zu beantworten: Wenn du findest, dass wir zu viel Vielfalt haben und dass es lieber weniger Genres geben sollte, die dafür mehr Leute kennen, dann sollte ein Buch weniger als einen Euro pro Stunde Lesezeit kosten. Wenn du mehr Vielfalt und mehr Genres möchtest, dann sollten Bücher pro Stunde mehr als 1€ kosten. Wohlgemerkt in reinen Produktionskosten für den Inhalt.

Bei kleinen Auflagen kommt leicht nochmal das Doppelte durch die Druckkosten dazu. Was auch zeigt, dass ebooks nur für hochpreisige Bücher günstiger sein können als gedruckte Bücher — nämlich für diejenigen, bei denen durch ihre geringe Auflage die Druckkosten einen relevanten Teil des Preises ausmachen.

Diesen Artikel gibt es jetzt übrigens auch für 1€ als ebook. Wenn er dir gefallen hat, kauf ihn bitte. Damit werde ich zwar nicht signifikant Geld verdienen, aber immerhin trage ich nicht durch Preisverfall zum Sterben der Nischen bei, die es heute gibt und die mir viel bedeuten.

Nicht-Kommerzielles? Als Hobby schreiben?

Nur wo ziehe ich die Grenze? Welches Schreiben sollte wirklich kostenlos sein? Ich weiß es nicht, aber mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass alles kommerziell sein sollte.

Wer etwas für Geld tut, tut es für die, die Geld haben. Nicht für Geld zu schreiben verzerrt das Geschriebene in Richtung derer, die sich Freizeit leisten können. Und ich will, dass Leute Vollzeit schreiben können. Nur so können sie sich auf das spezialisieren, was ich lesen will.

Um das abzufangen sehe ich zwei Wege: Bei Texten, die zur Produktion nur die Fertigkeiten brauchen, die wir alle in der Schule lernen, können wir in Zeit zahlen. Wenn wir für je 100 Artikel, die wir lesen, selbst einen Artikel schreiben, haben wir funktionierende gesellschaftliche Kommunikation (hier meine ich wirklich Artikel, die zusätzliche Informationen in kondensierter Form liefern, nicht nur drei-Zeilen Kommentare mit einer Meinung, die schon drei mal da steht, denn auch das Lesen von Kommentaren kostet Zeit, kann also statt einem Netto-Nutzen sogar Netto-Kosten für die anderen Lesenden und die Autorinnen und Autoren von Artikeln haben). Bei der aktuellen Qualität eines durchschnittlichen Kommentars in sozialen Netzen sehe ich das allerdings in relevanter Menge nur für unreflektierte Meinungsspalten, Informationen zur Existenz lustiger Sachen und Informationen aus dem persönlichen Bereich (die meiner Meinung nach eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören).

Bei Texten, deren Produktion eine lange Ausbildung oder viel Training braucht (egal ob nun für die Recherche oder für das handwerklich gute Schreiben des Textes), können wir die Finanzierung über Steuern unterstützen (und den Zugang durch Bibliotheken sichern) und so die Abhängigkeit der Kulturschaffenden von den Reichen verringern. Oder einfach die Einkommensungleichheit verringern, dann tritt das Problem viel weniger auf.

Wobei die Kosten zumindest bei Taschenbüchern bei Erwerbstätigen bereits jetzt auf etwa 300€ pro Person und Jahr gedeckelt sind. Viel mehr lässt sich neben dem Beruf nicht lesen. Wir müssen in der aktuellen Situation (dank Buchpreisbindung) also eigentlich nicht die Abhängigkeit von Reichen verringern, sondern vielmehr die Teilhabe derer fördern, für die 24€ pro Person und Monat eine signifikante Ausgabe sind, und die Teilhabe derer, die durch Rente oder Arbeitslosigkeit deutlich mehr als ein Buch pro Woche lesen können. Zur Zeit ist das Schreiben für diese Gruppen nicht unbedingt rentabel. Sie können zwar am Konsum der Werke teilhaben, sind aber deutlich Unterrepräsentiert bei der Lenkung dessen, was produziert wird. Wie groß diese Probleme in der Praxis sind, und wie sie verringert werden können, kann ich selbst aber noch nicht klar beantworten.

Wobei Kickstarter, Patreon und pay-what-you-want — so nützlich sie für die Kulturschaffenden auch sind — dieses Problem verschärfen: Der Anteil Vermögender an der Finanzierung von Büchern wird deutlich gesteigert, und damit gibt es einen stärkeren Anreiz für Kulturschaffende, sich auf diese spezielle Gruppe zu konzentrieren. Und das sind Fragen, die wir als Gesellschaft angehen sollten. Wollen wir einen reichenspezifischen Nischenmarkt? Wollen wir Bücher für Alle? Können wir die bereits umgesetzten Konzepte, um Allen eine Teilhabe am Konsum zu ermöglichen, so erweitern, dass sie auch die Teilhabe Aller an der Lenkung der Schaffung von Kultur verstärken? Was für eine Buchlandschaft wollen wir als Gesellschaft?

Wollen wir geringere Buchpreise oder höhere Buchpreise — weniger Vielfalt oder mehr Vielfalt? Mehr gemeinsame Kultur oder mehr auf die individuellen Wünsche abgestimmte Kultur?

Und damit belasse ich es erstmal an einem Punkt zum Nachdenken. Ich hoffe, der Artikel hat euch etwas gebracht!

Footnotes:

1

Zumindest ich kann nicht gleichzeitig etwas neues schaffen und etwas schon abgeschlossenes verkaufen.

2

Laut der DORP muss ein Verlag etwa die fünffachen Kosten eines Buches an Einnahmen erwirtschaften, um halbwegs stabil laufen zu können — also um nicht bei dem ersten Flop Pleite zu gehen.

3

Für mich als Physiker ist Faktor 2 eine Exzellente Abschätzung.

4

Über den Puffer von Faktor 5 (dank der Einblicke durch die DORP) wird hier miteinbezogen, dass Verlage neue Autorinnen und Autoren einführen, also sie finanzieren, solange ihre Absätze noch nicht ihre Kosten tragen.

5

Das gilt auch für Journalismus. Die Taz hat berechnet, dass ihre Online-Ausgabe sie tragen würde, wenn alle die einen Artikel lesen 10ç zahlen würden. Die Taz hat 26 Millionen Umsatz und 240 Millionen zugriffe pro Jahr, mit etwa 5 Minuten Lesezeit pro Zugriff kommt das auf etwa 1€ Kosten für die Bereitstellung von etwa einer Stunde Lesezeit. Vielleicht die Hälfte davon ist reiner Produktionsaufwand.


  1. Das Bild stammt vom Berliner Büchertisch und ist unter CC by-sa auf Flickr verfügbar.

 
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