Was heißt eigentlich „krank“?

→ Kommentar zu dem genussvollen aber kurzsichtigen Grünenbashing „Krankheit ins Weltkulturerbe?“ Danke an Benjamin für das Aufzeigen des eigentlichen Problems in dem Artikel.

Ich finde es schade, dass du deinen gesamten Artikel auf einer Spitzfindigkeit aufziehst. Du sagst „Krankheiten sind etwas, das wir bekämpfen können“ (was ich positiv finde), lässt aber die Frage weg, was eigentlich eine Krankheit ist, und warum wir sie als negativ sehen.

Der Artikel von Kurth ist etwas missverständlich, und du wählst genussvoll die schlechtest mögliche Interpretation - und greifst dabei noch zu kurz.

Er sagt „wer eine Behinderung als schlecht bezeichnet, bezeichnet damit automatisch behinderte Leute als schlecht“, dass die Wertung sich also nicht von den Betroffenen Personen isolieren lässt. Wer sagt „nicht gehen zu können ist schlecht“ sagt automatisch „Leute, die nicht gehen können, sind schlecht“.

Der Artikel lässt sich zwar verstehen als „wir sollten Leute verkrüppeln und mit Krankheiten infizieren“, aber das greift zu kurz. Kurth sagt in seinem Artikel, dass Krankheit und Erkrankte nicht voneinander getrennt werden können. Der Argumentation folgend kann der letzte Satz sich nur auf Krankheit und Erkrankten zugleich beziehen und heißt schlicht und einfach: „Wir sollten eine Krankheit oder eine Behinderung nicht zum Stigma werden lassen, sondern positiv damit umgehen“ - was dadurch nochmal offensichtlicher wird, dass er den Text als Abgrenzung von Singers Philosophie schreibt.

Die eigentlichen Fragen, die eure beiden Artikel aufwerfen, lässt du leider außen vor: „Welche Mittel sind zur Bekämpfung von Krankheiten legitim?“ Und „Was ist eigentlich Krankheit, und wodurch wird sie zum Problem?“.

Wäre eine Krankheit, die Leute zu sozialem Verhalten ermutigt, etwas das man bekämpfen sollte?

Und ab wann entsteht aus dem Kampf gegen Behinderungen ein sozialer Druck gegen jede Art des Anders-Sein?

Für mich ist eine Krankheit oder Behinderung dann etwas negatives, wenn sie sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft große Kosten verursacht ohne etwas entsprechendes zurückzugeben, wenn also sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft die Krankheit nicht haben wollen1 - betrachtet über das gesamte Leben, was leider nur im Nachhinein möglich ist. D.h. wir müssen normative Entscheidungen treffen. Da die Antwort, ob etwas negativ ist, nur im Nachhinein sicher möglich ist, sollten wir mit dem Begriff „Behinderung“ vorsichtig umgehen und lieber mehr Anders-Sein akzeptieren.

Als provokative Frage: Ist der kurzsichtige Egoismus der Manager, die die Finanzkrise verursacht haben, eine Behinderung, die wir ausmerzen sollten?


  1. Zur Frage von tichodrama: Wenn die Gesellschaft nicht der Meinung ist, dass etwas bestimmtes eine Krankheit ist, dann sehe ich es erstmal als Eigenart. Ich kann sie trotzdem loswerden wollen, aber ich kann mich dabei nicht auf die Unterstützung der Gesellschaft verlassen (also z.B. auf die Krankenkasse), sondern muss es selbst in die Hand nehmen. Ich selbst kann dann zwar sagen „das ist eine Krankheit“, aber für die Gesellschaft mag es völlig normal sein. Wie viele Leute die Gesellschaft dabei umfasst hängt davon ab, wer von der Eigenart betroffen ist und von wem die Resourcen zur Bekämpfung kommen könnten. Eine wichtige Frage habe ich hier allerdings vergessen: Was ist normal, und wollen wir, dass es normal ist? Wieso? 

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((λ()'Dr.ArneBab))



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