Zivilcourage

Es wird viel gesprochen von Zivilcourage, doch was sie wirklich bedeutet und wann sie wirklich funktioniert wird selten gesagt.

Da auch ich keine vollständige Antwort darauf liefern kann, will ich einfach eine Geschichte darüber erzählen, die mir sehr viel bedeutet:


Es war an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz, zwischen Annemasse und Genf, und wir waren gerade auf der zweiten Demonstration gegen den WTO-Kongress in Evian 2003. Nachdem bei der ersten Demo die Straßenzüge noch verbarrikadiert gewesen waren, statt Schaufenstern nur vorgenagelte Bretter unseren Weg begleiteten, während wir mit Samba Trommlern und viel guter Laune durch die Straßen liefen und in mehrtausendfachem Beispiel unser Motto zeigten: "Wir sind keine Barbaren, die Barbaren sind die Anderen", waren bereits bei unserer zweiten Demo die meisten Fenster offen, und Menschen warfen uns Getränke vom Balkon aus zu und feuerten uns an; beides Gaben, die wir mit Freude annahmen und für die wir uns mit Begeisterung bedankten.

In dieser zweiten Demo ging es nun über zweifach dreispurige Straßen, die von Demonstranten gefüllt waren, doch es kam auch hier, was so oft geschieht: Der schwarze Block formierte sich. Leute zogen sich schwarze Masken über den Kopf, hoben schwarze Banner, um sich dahinter verstecken zu können, und versuchten unsere friedliche Demo zu nutzen, um Gewaltexzesse zu feiern.

Wir waren anfangs hinter ihnen, ich war in einer Gruppe von fünf Freunden unterwegs und wir hatten schon zusammen im Intergalaktischen Dorf gecampt, also wollten wir zusammenbleiben.

Als der Block dann auf eine Tankstelle losging und sie besetzte um zu randalieren, wirde es uns zu nervig (schließlich hätten wir direkt an ihnen vorbei gemusst) und wir wechselten die Straßenseite, wie es auch viele vor uns schon getan hatten. Von der Seite aus kamen wir am Schwarzen Block vorbei, ich mit 5 Freunden und darum noch hunderte anderer Demonstranten, denen die Abneigung gegen den Schwarzen Block ins Gesicht geschrieben stand. Doch niemand sagte ein Wort, zumindest kein lautes.

Irgendwann hat uns der Schwarze Block dann zu sehr genervt, und wir dachten: "Irgendwer muss doch was dagegen unternehmen". Und da nun um uns herum alle nur französisch sprachen, entschlossen ein Anderer aus der Gruppe, Thomas, und ich uns, selbst etwas zu unternehmen.

Es gingen ein paar Minuten ins Land, bis wir aus unserem verstaubten Schulfranzösisch zusammengesucht hatten, dass "Nein zur Gewalt!" auf französisch in etwa "Non à la violence!" heißt.

Die Grenzen unseres Französischen hatten wir schon ein ganzes Stück früher beid em Versuch erkannt, den Leuten "Stop and Go" beizubringen. Das ist eine Methode um Demos etwas aufzulockern und Dynamik in die Menge zu bringen, wobei ein Teil der Demo stehen bleibt, wartet, bis sich eine breite Lücke gebildet hat (was am besten geht, wenn jemand den Weg mit breiten Transparenten blockiert), dann von 10 auf Null zählt und danach jubelnd und rufend die freie Strecke rennt. Den Namen hat es davon, dass während dem Warten zwei oder mehrere mehr oder weniger verrückte Spinner vor den Wartenden auf und ab hüpfen, dabei "Stop and Go!" rufen und hoffen, dass alle Anderen mitmachen. Und schon bei der Erklärung von "Stop and Go" hatten wir ohne Übersetzer keinerlei Chancen gehabt, etwas anderes zu vermitteln als: "Wir würden euch gerne was sagen, aber unser französisch ist viel zu grausig, um damit mehr als nur einfachste Floskeln rüberzubringen"; bei unserem "Non à la violence!" hofften wir aber doch, dass uns die Leute verstehen würden, egal wie kaputt die Grammatik vielleicht war.

Ich holte also da auf der Straßenseite, neben der Seite des Schwarzen Blocks, wo die Leute teilweise Baseballschläger, Flaschen und Steine in den Händen hielten, tief Luft, ich glaube ungefähr drei mal oder so, dann brüllte ich ein lautes "Non à la violence!" in die Landschaft.

Mein zweiter Ruf war schon ein gutes Stück leiser, und ich hatte schon nervös zum Schwarzen Block gelinst, aber zum Glück setzte Thomas mit ein und mein dritter Ruf erscholl wieder mit voller Kraft, und zugleich setzten auch die anderen Vier ein, mit denen wir hier waren.

Es dauerte keine zwei Minuten, da ließ jeder in Hörreichweite auf unserer Seite sein lautes "Non à la violence!" über die Straße schallen, nach kaum fünf Minuten kamen schon neue Sprechchöre zurück, die wir einen Tag darauf endlich als die französische Fassung von "Masken runter, Augen auf!" erkannten, und nach 15 Minuten gab es keinen schwarzen Block mehr.

Ein unbeschreibliches Gefühl.

Es hatte nur eines einzelnen Menschen bedurft, der anfing, einigen wenigen, die gleich mit einsetzten, und nach einer viertel Stunde war erreicht, was ansonsten oft erst nach stundenlangen Stressereien zwischen der Polizei und gewaltbereiten Leuten geschieht:

Der schwarze Block war aufgelöst, und bei uns geschah es gewaltfrei.

Ein großes Lob geht dabei im übrigen an die Polizei, die sich komplett herausgehalten hat, so dass wir Demointerne Sachen selbst regeln konnten, und zwar selbst dann noch, als Randalierer auf die Tankstelle losgingen, denn damit hat die Polizei schlimmere Ausschreitungen verhindern können, was ich von ihnen verdammt mutig fand.

Für mich ist das noch immer einer der großen Augenblicke meines Lebens, denn mit diesem ersten Ruf habe ich wirklich etwas bewegt, auch wenn ich ohne Freunde dabei wohl kaum den Mut dazu gefunden hätte, und so hat sich durch diese Erfahrung eines tief in mein Gedächtnis gegraben:

Es geht.

Zivilcourage funktioniert. Zumindest unter den richtigen Vorraussetzungen.

Ein großes Danke an Jacob, Thomas, Lia, Flora und Lina, und an alle, die bei der Demo und im Intergalaktischen Dorf in Annemasse dabei waren. Ein großer Dank dafür, dass ich das für mich lernen durfte!

Ihr seid klasse!

Arne Babenhauserheide ( http://draketo.de )

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((λ()'Dr.ArneBab))



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